Meine Frau stolperte vor einiger Zeit über die Verkaufsanzeige einer 6 jährigen Islandstute. Es war eine wunderschöne 5 Gang Stute mit traumhafter Doppelmähne, einem fantastischem Gebäude und sehr guter Abstammung.

Bäm…. schon war`s passiert: Meine Frau hatte sich verliebt! Natürlich spielt ein kluger Mann da mit und so nahmen wir Kontakt mit dem Verkäufer auf. Leider wurde uns am Telefon mitgeteilt dass die Stute bereits verkauft sei.

Doch damit war die Geschichte nicht zu Ende.

 Etwa 1 Jahr später entdeckte meine Frau wieder eine Verkaufsanzeige. Eine „unreitbare Problemstute“ stand zum Verkauf. Nicht irgendeine Stute – IHRE Stute! Sie hat das Pferd auf Anhieb wieder erkannt. Eben das Pferd, das uns jemand kaum ein Jahr zuvor vor der Nase weggeschnappt hatte.

Wir waren nicht wenig überrascht, dass uns am Telefon mitgeteilt wurde, das Pferd sei total ängstlich, schreckhaft und nicht händelbar.

Sagen wir lieber: Das Pferd war JETZT ängstlich und NICHT MEHR händelbar.

Was war nur passiert?

Wir haben uns das Pferd angeschaut und waren entsetzt. Wie man in nur einem Jahr ein so junges Pferd so zerstören kann ist mir ein Rätsel.

Als ich diesem Pferd in die Augen sah kamen mir die Tränen. Die Stute konnte kaum geführt werden, ist ständig gestiegen und an Reiten war gar nicht zu denken. Hinten links ging sie lahm was den Besitzern noch gar nicht aufgefallen war.

Warum hat mich das so berührt?

Wer noch am alten Glauben festhängt, ein Pferd müsse einfach nur spuren und sich dem Willen des Menschen beugen, der hätte dieser kleinen Stute wahrscheinlich erstmal zeigen wollen, wer die Hosen anhat. Hätte sie mit einer Führkette vom Steigen abgehalten und sie so lange unter Druck gesetzt, bis sie resigniert tut, was immer der Mensch will.

Auch die Besitzer der Stute.  Doch dieses kleine willensstarke Pferd ließ sich nicht brechen. Nach weniger als einem Jahr Druck und Zwang war sie fast zugrunde gerichtet, aber sie hatte noch nicht aufgegeben.  Sie sprach noch immer mit ihren Menschen – doch zugehört hat ihr niemand.

 

Dieses Pferd war nicht aggressiv oder widersetzlich. Es war zutiefst verunsichert.

Was dieses arme Wesen erlebt hat darüber möchte ich gar nicht nachdenken. Dabei sprechen wir hier nicht einmal von groben Mißhandlungen oder massiver Vernachlässigung – die Mißhandlung, die sie erfahren hat, ist eine viel subtilere. Ihre Menschen haben ihr Schutz, Sicherheit und Führung verweigert. Also verweigerte sie sich selbst, aus der Not heraus, sich selbst schützen zu müssen.

Wir haben das Pferd gekauft und sofort mitgenommen.

Wir ließen als erstes das lahme Bein untersuchen, was sich dann als Sehnenverletzung herausstellte. Reiten war damit abgehakt – die kleine Stute musste zunächst gesund werden. Und „vergessen“, was sie erlebt hatte.

Einen ganzen Sommer lang durfte die Stute einfach nur Pferd sein und sich als Teil unserer Stutenherde von seiner Vergangenheit erholen. Erst im Winter als unsere Zuchtherde in ihrem Winterquartier war, begannen wir vorsichtig mit der Stute zu arbeiten.

Dieses Pferd war einfach nur ein Traum!  Nach nur wenigen Trainingseinheiten der Freiarbeit konnte man deutlich sehen wie sich das Pferd entspannte, Vertrauen fasste und sich einfach nur freute, verstanden zu werden. Bereits nach der ersten Übungseinheit ließ sich das Pferd völlig problemlos führen, nach ein paar Tagen machten wir den ersten Spaziergang.

Aufgrund ihrer Sehnenverletzung entschieden wir uns, sie nicht zu reiten. Sie blieb Teil der Zuchtherde und hat uns viele wunderschöne Fohlen geschenkt.

Ich weiß nicht was die Vorbesitzer mit diesem Pferd gemacht haben – ehrlich gesagt möchte ich es mir gar nicht vorstellen. Schwierig war sie jedoch nie, zu keinem Zeitpunkt. Doch sie war unsicher, vorsichtig und brauchte jemanden, dem sie sich anvertrauen konnte. Sie brauchte Schutz, Sicherheit und Geborgenheit.

Alles, was nötig war, um dieses verängstigte, mißtrauische und „widersetzliche“ Tier in ein Traumpferd zu verwandeln, war wirkliche Führung.