Der Traum von Harmonie

Stell Dir vor…Du reitest auf Deinem Pferd.

Ohne Sattel.

Ohne Zügel.

Du bist völlig entspannt und fließt in der Bewegung Deines Pferdes mit.

Du bist so eins mit Deinem Pferd, als wärt ihr ein einziges Wesen – ein Körper, ein Gedanke.

Du entscheidest Dich zu traben und Dein Pferd trabt an. Auf den Punkt genau. Du entscheidest Dich, langsamer zu werden und Dein Pferd pariert zum Schritt durch. Egal, welches Manöver, egal welche Richtung, noch bevor Du Deinen Gedanken zu Ende gedacht hast, reagiert Dein Pferd, als würde es Deine Gedanken lesen. Keine Zweifel. Keine Angst. Nur Vertrauen.

Ein Traum? Für viele Pferdebesitzer ist es das. Und wird es bleiben. Denn der Schlüssel zu dieser traumgleichen Harmonie liegt darin, umzudenken.

Moderne Trainingsmethoden verhindern vollständige Harmonie.

Egal ob Western, Englisch, Legerete oder Barock, immer geht es darum ein Pferd zu verändern, zu formen, es gefügig zu machen und ihm unseren Willen zu diktieren.

Okay, aber wie soll es anders funktionieren?

 

 

Fangen wir ganz von vorne an:

Geboren werden unsere Pferde als Pferd. Nicht als Reittier – sondern körperlich und mental voll und ganz Pferd, wie seit vielen Jahrtausenden.

Geboren werden sie als Wildpferde!

Als Teil einer Herde, die ihnen Geborgenheit und Sicherheit gibt. Ein sicheres Lernfeld, indem sich das Fohlen erproben kann – körperlich und sozial. Sie toben mit gleichaltrigen Fohlen über die Wiesen, rangeln und spielen, erklimmen Berge und springen über Gräben.

Spielerisch lernen sie, die sozialen Regeln der Herde zu akzeptieren. Sie lernen, die Körpersprache der anderen zu lesen und selbst zu sprechen. Sie erfahren ihre eigene Stärke – und ihre Fähigkeit, sich unterzuordnen, zu folgen und zu vertrauen. Sie lernen, Grenzen zu respektieren und zu folgen – aus eigenem Antrieb.

Viel später, erst wenn die Fohlen einige Monate alt sind, kommen die Menschen auf Tuchfühlung. Respektvoll und achtsam. Beachten die Regeln der Herde, achten auf ihre persönliche Distanz und die der Pferde.  Gehen wieder und kommen wieder. Erweisen sich als beständig, verlässlich, berechenbar.

Das Fohlen beginnt, dem Menschen als Teil seiner Herde zu vertrauen und ihn zu lesen. Die Kommunikation zwischen Pferd und Mensch beginnt.

Keine Geburtshilfe, die nicht sein muss.

Keine Berührung, bevor es an der Zeit ist.

Nur Geduld. Respekt. Verlässlichkeit.

Wir haben uns entschieden, unsere Pferde Pferde sein zu lassen. Sie danken es uns mit uneingeschränktem Vertrauen – so wird Reiten möglich, das feiner als fein ist!

Vertrauen wächst...

Erst, wenn das Fohlen körperlich und mental ausgewachsen ist, beginnt der Mensch mit einer spielerischen Arbeit. Mittlerweile hat er das volle Vertrauen des Jungpferdes und es orientiert sich an ihm. Wenn der Mensch das erste mal auf den Rücken des jungen Pferdes steigt, verstehen sie sich bereits blind – das Pferd weiß die Energie des Menschen zu lesen und darauf zu reagieren. Harmonie vom ersten Moment an.

DAS ist der Traum des Pferdes. DAS ist artgerecht, ist „normal“ für ein Pferd.

Abgesehen von dem Moment, in dem der Mensch auf seinen Rücken klettert…

Was aber ist „normal“ in der Pferdeaufzucht?

Die Stute wird zum Abfohlen von der Herde getrennt und in eine Box gebracht. Gleich nach der Geburt, bei der der Mensch kräftig mit angepackt hat, wird das Fohlen vom Menschen abgerubbelt, liebkost und zur Mutter geführt. Wenige Tage nach der Geburt wird dem Fohlen ein Halfter angelegt – früh übt sich.

Damit dem kleinen Pferd ja nichts zustößt, werden Mutter und Fohlen möglichst isoliert. Keine Berge, keine Gräben, keine Keime. Aber dafür der Mensch, der täglich die Individualdistanz des Fohlens mißachtet, um es an Berührungen „zu gewöhnen“.

Bis das Jungpferd dann halbwegs ausgewachsen ist, hat es gelernt, dass ihm der Mensch nicht zuhört, seine Distanz mißachtet und es sich „brav“ verhalten muss, um keine Strafe zu riskieren. Es hat gelernt, dass es weder wie ein Pferd behandelt wird noch sich wie ein Pferd verhalten darf.

Dann folgt die Ausbildung unterm Sattel. Das Pferd wird ausgebunden, abgebremst, an alle möglichen Reize „gewöhnt“. Das Pferd wird mental abgestumpft – auf die reiterlichen Hilfen jedoch soll es fein reagieren.

Also – was wollen wir eigentlich? Ein Pferd, das fein wie ein Wildpferd auf kleinste Signale reagiert, sich anmutig und lebendig bewegt? Das seinem Menschen ebenso vertraut wie es seiner Leitstute vertraut?

Dieses Pferd ist fähig, sich in vollständiger Harmonie mit seinem Reiter zu bewegen. Denn es durfte von Geburt an seiner Natur entsprechen.

Der Mensch hat sein Verhalten dem Wesen des Pferdes angepasst, sich darauf eingestellt, sich selbst und seine Bedürfnisse zurückgestellt. Und erntet nun den Lohn für seine Zurückhaltung.

Oder wollen wir einen Pferde-„Zombie“, dem man jede Bewegung mühsam wieder antrainieren muss, nachdem man ihm die Lebendigkeit zuvor aberzogen hat?

Dieses Pferd mag beruhigend auf uns wirken, weil es sich vor nichts erschreckt, keinen Widerstand zeigt und sein Tempo sich in einem Rahmen bewegt, den wir uns zutrauen.

Doch zu Harmonie ist dieses Pferd nicht mehr fähig – es ist innerlich tot und geht keine tiefe Beziehung zum Menschen ein. Es funktioniert – mal mehr, mal weniger. Der Mensch hat es mental und in seinen Bewegungen verstümmelt.

Erst wenn das Pferd ein Pferd bleiben darf,

erst, wenn wir wir es beim Reiten nicht mehr stören –

erst dann kann es seine ganze natürliche Harmonie, seine Eleganz und Schönheit hervorbringen!

Erst dann wird der Traum von vollständiger Harmonie Wirklichkeit!

Zögere nicht länger, Deinem Pferd ein guter Partner zu sein. Auch, wenn es nicht in einer Herde großwerden durfte, auch, wenn ihm die Menschen bisher nie zugehört haben – es ist nie zu spät, um anzufangen, es richtig zu machen!