Problempferd? Pferde-Problem?

Vor einigen Jahren kündigte das Klingeln eines Handys eine traurige Geschichte an.

 

Am anderen Ende sprach ein besorgter Familienvater zu mir. Er war nicht nur besorgt, sondern auch wütend – und offensichtlich hilflos. Sonst hätte er mich angesichts seiner langen Erfahrung als Pferdebesitzer kaum zu Rate gezogen.

 Sein Pferd, ein älterer Norweger-Wallach, sein plötzlich aggressiv geworden. Dieses Pferd war seit über 20 Jahren das Familienpony. Ein wenig stur, ein wenig eigensinnig aber niemals aggressiv.

 Doch jetzt sei alles anders, der Wallach sei gefährlich und böse. Er hatte die kleine Tochter der Familie in den Kopf gebissen! Die große Tochter konnte nur durch einen beherzten Satz einem gezielten Tritt ausweichen.

 Er selbst, der Vater der Familie, sei der einzige, der noch einigermaßen mit dem Pferd klar käme.

 Die Sorge des Anrufers war mehr als berechtigt. Mit diesem Pferd stimmte etwas ganz und gar nicht.

 Ich erinnerte mich an viele Fälle, in denen ich früher sofort ein systematisches Anti-Aggressions-Training vorgeschlagen hätte.

Die Rangordnung geklärt. Respekt gelehrt. Nach und nach die einzelnen Familienmitglieder eingebunden, bis letztlich sogar die Kinder „ranghöher“ als der Wallach gewesen wären. Doch hätte ich das Problem des Wallachs gelöst?  Ich hätte die Symptome beseitigt. Ich hätte ihm etwas beigebracht, anstatt ihm zuzuhören. Doch heute weiß ich:

Das Pferd ist nicht böse. Das Pferd ist nicht respektlos. Es gibt etwas, was das Pferd dazu bringt, sich so zu verhalten!

 Also versprach ich dem Anrufer einen baldigen Besuch und sah mir einige Tage später das Problempferd in seiner Umgebung an. Das Pferd stand schon seit 11 Jahren im gleichem Offenstall, was einen Umzug als mögliche Ursache sofort ausschloss. Es musste etwas innerhalb dieser Umgebung passiert sein.

 Unterstand, Paddock und Weide machten einen vernünftigen Eindruck. Allerdings sah man vom Paddock nicht viel, denn es tummelten sich zahlreiche Pferde darauf – zu viele Pferde.

 Der Norweger verkroch sich in einer Ecke im Unterstand, umringt von mehreren Stuten-Po-Pos und sah alles andere als zufrieden aus. Sein Blick sprach Bände: Dieses Pferd hatte enormen Stress!

Ich fragte nach und erfuhr, dass innerhalb des letzten Jahres einige neue Pferde dazu gekommen waren. Der Norweger war der rangniedrigste der ganzen Gruppe. Da es innerhalb der Gruppe an Stabilität mangelte, hatte er den ganzen Tag Stress. 

Die einzigen Wesen in seinem Umfeld die noch rangniedriger waren als er, waren die Kinder! Und an diesen hat er seinen Frust ausgelassen. Er hat mit seinem Verhalten mehr als deutlich gezeigt, was er jeden Tag selbst erlebt.

Ich habe den Leuten zu einem Stallwechsel geraten, damit ihr altes Pony wieder zur Ruhe kommen konnte. Wenige Wochen nach dem Umzug in einen geräumigeren Stall mit einer kleineren Herde war der Norweger wieder ein ganz normales Familienpony. Ein wenig stur, ein wenig eigensinnig, aber brav und umgänglich.

Ich war froh, dass ich dieser Familie helfen konnte, das Problem ihres Pferdes zu lösen.

Leider haben sie mich etwas zu wörtlich genommen und gönnen dem Pferd seither mehr Ruhe als zuträglich: Sie haben aufgehört, sich mit ihm zu beschäftigen.

Sie haben das Pferd das Etikett „boshaft“ aufgeklebt, statt sein Verhalten als Ausdruck seiner Not zu verstehen. Sie haben den Glauben verloren, dass sich ein Pferd ändern kann – mal in die eine, mal in die andere Richtung.

Ich habe das Pferd in seiner neuen, ruhigeren Umgebung als durchwegs sympathischen, zugewandten und freundlichen Burschen erlebt. Die Lebensumstände unserer Pferde sind einfach maßgeblich für ihr Verhalten entscheidend!

Fühlt sich unser Pferd in seiner Umgebung nicht wohl, können wir auch kein zufriedenes Verhalten erwarten. Füttern wir unpassendes Futter, können wir kein gesundes Tier erwarten. Ein zufriedenes, gut ernährtes Pferd ist zwar keine Garantie für Spaß beim Reiten – aber ein unzufriedenes Pferd ist eine Garantie für Stress im Umgang.

 Das Etikett, das wir unseren Pferden aufkleben, verstellt uns nur zu leicht die Sicht auf die Dinge, die wirklich wichtig sind: Auf die Bedürfnisse, die unsere Tiere haben. Es ist unser Job, diese Bedürfnisse so gut wie möglich zu erfüllen, bevor wir Freundlichkeit, Willigkeit oder Rittigkeit von ihnen erwarten.