Der nervöse Wallach

Ich wurde gebeten mir einen großen älteren Warmblutwallach anzusehen. Die Besitzer hatten Probleme mit ihm, da er so nervös und zappelig war, das man ihn kaum händeln konnte.

Am Putzplatz angebunde, tänzelte er permanent herum. Dieses Pferd konnte keine Sekunde ruhig stehen!  Nicht einmal beim Fressen wurde er ruhiger. Auch der Hufschmied hatte seine wahre Freude an diesem Kerl, der niemals alle Hufe gleichzeitig auf dem Boden hatte.

Eine Sache fiel mir auf den ersten Blick ins Auge: Dieses Pferd war zu dünn, die Rippen zeichneten sich unter dem stumpfen Fell ab, die Kruppe war eingefallen. Der ganze Wallach wirkte wie ausgemergelt und dennoch unter Dauerstrom.

Die Besitzer erklärten mir: „Der ist schon lange so dünn. Wir stopfen Futter rein was nur geht, aber er wird immer weniger. Das Blutbild ist in Ordnung und die Zähne sind ok. Da kann man nichts machen.“

Was sie an Futter so reinstopfen, interessierte mich: Zusätzlich zur permanenten Heuversorgung bekam er noch 10 Kg Hafer, Müsli, Zuckerrüben, Maisflocken, Mash über den Tag verteilt!

Dass das Pferd reiterlich überfordert  wurde, war ausgeschlossen, denn die Besitzer ritten ihn aufgrund seiner Nervosität nur äußerst ungern und das vielleicht zwei- bis dreimal pro Woche.

Auf der Suche nach den Ursachen seiner Nervosität ließ ich mir seinen Offenstall zeigen und beobachtete ihn eine ganze Weile in seiner gewohnten Umgebung. Was ich sah, erklärte mir vieles:

Der Wallach stand als Hahn im Korb mit mehreren Stuten. Die Damen waren jedoch wenig beeindruckt von seiner Männlichkeit und schickten ihn bei jeder Gelegenheit vehement weg. Ein ständiges Gezicke! In Ruhe fressen oder dösen konnte der arme Kerl nicht einen Moment lang…

Somit war klar: Der Wallach hatte Stress mit den Stuten! Und jetzt bekommt ein Pferd das sowieso unter Stress leidet auch noch jede Menge Kraftfutter! Was als liebevolles Aufpäppeln der Besitzer gemeint war, machte die Situation erst richtig explosiv:

Hafer ist zwar reine Energie aber alles andere als Nervennahrung. Das sollte ein Pferd wirklich nur bekommen wenn es körperlich viel leisten muss. Dieses bedauernswerte Pferd wusste ganz einfach gar nicht mehr wohin mit seiner ganzen Energie.

Die Kombination aus Stress durch eine unpassende Herdenstruktur und falschem Energielieferant hatten den Wallach in ein Nervenbündel verwandelt. Die Besitzer suchten einen anderen Offenstall für ihn und fütterten nach und nach nur noch Heu. Stallwechsel und Futterumstellung haben dem Wallach definitiv das Leben gerettet – er wurde wieder so ausgeglichen, rund und gesund, wie ihn die Besitzer aus goldenen Zeiten kannten.