....und Du trotzdem sein Freund sein kannst

Es geschah ohne Vorankündigung im letzten Sommer. Alle Pferde waren auf der Weide und ich machte meinen üblichen Kontrollgang. Wie immer habe ich alle Zäune geprüft und die Pferde auf Verletzungen kontrolliert.

Auch mein Wallach Rodi graste gemütlich inmitten der anderen. Na klar – bei ihm habe ich meinen Kontrollgang unterbrochen, habe ihn ausgiebig gekrault, liebkost, mich in die Wiese gesetzt und ihm eine Weile beim Fressen zugeschaut.

Irgendwann wurde es Zeit, meine Runde zu beenden. Ich stand auf, klopfte mir den Dreck von der Jeans und schickte mich an, die Weide zu verlassen. Doch ich ging nicht alleine.

Rodi folgte mir. Obwohl alle seine Kumpels auf der Weide blieben und ungestört weiter grasten, hat er sich mir angeschlossen und lief mit mir bis zu Stall. Ich habe ihn nie mit einem Leckerli bestochen, nie mit Futter gelockt, niemals mit ihm geübt, ohne Halfter und Führstrick mir über eine saftige Weide zu folgen.  Das war kein antrainiertes oder erzwungenes Verhalten. Das war eine Entscheidung aus freien Stücken!

Für mich war dieser kleine Moment einer der glücklichsten Momente mit meinem Pferd – denn für ihn war ich in diesem Moment wichtiger als seine Herde und wichtiger als Fressen. Obwohl – oder weil? – ich im Grunde gar nichts mit ihm gemacht hatte.

Verlässt mein Pferd freiwillig seine Herde, weil es mich mehr liebt als seine Gefährten? Zieht es meine Gesellschaft dem saftigen Gras vor, weil wir Freunde sind? Weil ich lieb zu ihm bin? Können Pferde Menschen lieben? 

Wenn Du das hier so liest, wirst Du vielleicht aus vollem Herzen sagen: Natürlich nicht! Wir sind keine Pferde, wie soll ein Pferd einem Menschen gegenüber solche Gefühle entwickeln! 

Und dennoch tun wir Menschen so viel – oder lassen es eben bleiben – aus Angst, die Zuneigung, die Freundschaft – die Liebe? – unseres Pferdes zu riskieren. 

 

Kann mich mein Pferd lieben oder mein Freund sein? 

Ich denke um diese Fragen zu beantworten müssen wir uns darüber klar werden, was Liebe und Freundschaft für uns wirklich sind. 

Ich persönlich unterscheide drei verschiedene Arten der Liebe: 

Die „verliebte“ Liebe:

Diese Form der Liebe ist die häufigste und entsteht aus unserem Begehren. Wir lernen einen neuen Menschen kennen und fühlen uns von ihm angezogen. Wir beginnen diesen Menschen zu begehren. Wir möchten Zeit mit ihm verbringen, von ihm beachtet werden. Schon eine flüchtige Berührung lässt unser Herz schneller schlagen, der erste Kuss schickt uns in den siebten Himmel. Aber unser Begehren wächst und ändert sich und ständig möchten wir etwas Neues mit diesem Menschen erleben. 

Die Schmetterlinge sollen fliegen! 

Irgendwann kommt dann der Sex und der kann unser Begehren noch eine ganze Weile zufrieden stellen. Bei manchen länger, bei manchen kürzer. Wird unser Begehren aber irgendwann nicht mehr befriedigt, ist das der Moment in dem die Liebe stirbt! 

Die Schmetterlinge werden müde und hören irgendwann auf zu fliegen.

 

Die große Liebe:

Auch hier beginnt die Liebe mit Begehren, aber im Laufe der Zeit rücken die eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund. Das wichtigste wird, „Genau diesen einen Menschen glücklich zu machen“, egal um welchen Preis! Das eigene Glück hängt davon ab, ob der andere glücklich ist.

Wenn diese Liebe auf Gegenseitigkeit beruht, finden zwei Menschen den Himmel auf Erden.

Ist diese Liebe nur einseitig, wird sie irgendwann enden und einen von beiden zerstören.

 

Die wahre Liebe

Hier geht es nur um den anderen, die eigenen Bedürfnisse und das eigene Begehren spielen keine Rolle! Das eigene Ich wird zurück gestellt, man liebt den anderen nur um seinetwillen. 

Diese Liebe ist ein Geschenk, ohne Verpflichtung! 

Ich liebe dich nicht, weil du mich liebst. Ich liebe Dich, weil Du mir wertvoll bist!

 So lieben Eltern ihre Kinder, so lieben sich manchmal Geschwister 

und

so lieben sich Freunde!

Du liebst Dein Pferd – keine Frage! Sonst würdest Du gar nicht hier sein und dies hier lesen….

Wenn Du angefangen hast, Dir Gedanken zu machen über die Art der Beziehung, die ihr miteinander habt, ist das die Basis, auf der alles andere aufbaut:

Die Bereitschaft des Menschen, Verantwortung zu übernehmen und sich zu entwickeln…Die Bereitschaft des Pferdes, aus freien Stücken zu geben, was wir nie erzwingen könnten….

 

Freundschaft zwischen Mensch und Pferd?

Ich glaube echte Freundschaft ist genau so selten wie die große Liebe. Der andere wird geliebt um seinetwillen, ohne Preis und ohne Verpflichtung.

Ich bin nicht Dein Freund, weil du mein Freund bist.

Ich bin Dein Freund, weil Du für mich etwas Besonderes bist!

Für viele Menschen bedeutet Freundschaft:

Da gibt es jemanden, auf den kann ich mich verlassen und wenn es mir schlecht geht ist er für mich da.

Für mich bedeutet Freundschaft:

Da gibt es jemanden, den kann ich von ganzen Herzen lieben, einfach weil er so liebenswert ist.

Ein echter Freund ist nicht dafür da, mir zu helfen wenn es mir schlecht geht.

Ein echter Freund ist dafür da, dass es mir erst gar nicht schlecht geht!

Denn bin ich traurig, einsam, oder verletzt, fühle ich mich ungeliebt, ausgeschlossen oder verängstigt, habe ich Probleme die mich belasten und weiß nicht wie es weitergeht – dann denke ich an meinen Freund. Und manchmal scheinen diese Freunde eine Art telepathische Fähigkeit zu haben, sie spüren regelrecht auch über große Distanzen, wenn ich sie brauche.

Dann wird mir klar, dass es jemanden gibt, der mich liebt weil ich für ihn etwas Besonderes bin. Dieser Mensch liebt mich, weil ich – ich bin!

Und diesen Menschen darf ich auch lieben, einfach so, ohne Begehren das erfüllt werden muss, ohne einen Preis der irgendwann bezahlt werden muss.

Wie soll es mir da schlecht gehen?

Die Schmetterlinge fliegen und diese Schmetterlinge werden nie müde!

Meinen Freund kann ich so lange lieben wie ich möchte! Und das Erstaunliche ist:

Wahre Freundschaft rechnet nicht auf, schreibt keine Bilanz, hat kein Interesse an Ausgleich. Der Ausgleich ergibt sich ganz von alleine, indem ich – wenn ich der gebende Teil bin – meine Kraft durch das Geben selbst bekomme.

Also: Kann mein Pferd mich lieben?

Nein, ich glaube nicht dass mein Pferd mich lieben kann. Nicht so, wie Menschen Liebe definieren.

Aber Pferde können Loyalität entwickeln, wenn wir sie kompetent und fair führen. Sie schenken uns ihr Vertrauen, nehmen uns wahr, reagieren auf das, was wir tun und fühlen. Und das tun sie ohne Hintergedanken, ohne soziale Filter und ohne nachtragend zu sein. Damit geben uns Pferde mehr, als viele Menschen zu geben bereit sind.

Und das birgt eine Gefahr in sich, eine Falle, in die unzählige Reiter tappen: Wir suchen in unseren Pferden Trost, Zuneigung, Aufmerksamkeit, Bestätigung – all das, was Menschen uns nicht bereit zu geben sind. Wir neigen dazu, unsere menschlichen Bedürfnisse nach Liebe bei unseren Pferden stillen zu wollen. Und – zack – vermenschlichen wir unser Pferd, ohne es zu wollen und manchmal ohne es zu bemerken. 

Und gerade in den Zeiten, in denen wir uns schwach und verletzt fühlen, suchen wir die Nähe zu unserem Pferd, holen es aus der Herde und wollen es allen Ernstes führen? Ihm Sicherheit und Gelassenheit vermitteln. No way…. 

Wohin also mit all meiner Liebe zu meinem Pferd – denn dass wir Menschen unsere Pferde lieben können, ist unbestritten….

Gibt es Freundschaft zwischen Pferd und Mensch? 

Ich kann mein Pferd lieben, wie sehr ich will.

Aber ich darf meine Zuneigung nicht davon abhängig machen, dass mein Pferd funktioniert. Ich darf nicht in Versuchung kommen, meine Prinzipien zu vernachlässigen, damit mein Pferd mich „mag“. Ich darf nicht erwarten, dass mein Pferd sich wunschgemäß verhält – aus Liebe zu mir. Ich darf nie davon ausgehen, dass mein Pferd alles für mich tut, nur weil ich es so lieb habe. Die Enttäuschung wäre vorprogrammiert! 

Ich kann ein Freund für mein Pferd sein.

Ich kann es umsorgen, beschützen, mich um seine Bedürfnisse kümmern und ihm sein Leben so schön wie möglich machen. Nicht für mich, sondern einzig für mein Pferd!! Ich kann FREUNDlichkeit als meine Grundeinstellung meinem Pferd gegenüber machen. Das darf man nicht verwechseln mit Verwöhnen! Es geht um Verantwortung und Achtsamkeit für meine Bedürfnisse und die des Pferdes. Nicht darum, das x.te schicke Halfter und eine passende Satteldecke und die guten Leckerlis einzukaufen….

Wenn ich mein Begehren zurück stelle und mein Pferd liebe, weil es für mich etwas Besonderes ist…wenn ich aufhöre, anderen beweisen zu wollen, was Pferd und ich zusammen alles schaffen können…. wenn ich meine Freundlichkeit nicht davon abhängig mache, wie gut mein Pferd „funktioniert“ –  dann wird mir mein Pferd das danken. Durch kleine, unscheinbare, wundervolle Momente, die mich sehr glücklich machen. 

Wenn ich auf die Weide gehe, wo mein Pferd mit seinen Kumpels grast. Mein Pferd streichle, liebkose, mich dann abwende und wieder gehe. Wenn dann mein Pferd mir dann ohne Aufforderung folgt, einfach weil es bei mir sein will – das ist ein Moment voll unbeschreiblichem Glück.

Deshalb bin ich gerne der Freund von meinem Pferd, auch wenn es mich nicht lieben kann! 

Diese Momente kann man nicht erwarten oder gar einfordern oder „machen“. Sie sind selten und ploppen ohne Ankündigung in unser Leben und dann verschwinden sie wieder. So ein Moment ist ein Geschenk! Wir müssen sehr aufmerksam sein, um es zu bemerken.