Problemverhalten macht Sinn!

Für unseren Reitschulbetrieb waren wir immer auf der Suche nach geeigneten Schulpferden. Die Pferde sollten nicht nur unerschrocken, gelassen und zuverlässig sein. Sondern auch Pferd. Also aufmerksam, wach und neugierig. Außerdem am besten Wallach, gesund und im richtigen Alter…

 

Jedes Pferd, das in Frage kam, wurde über mehrere Wochen probegeritten. Wir testeten wirklich alle auf Herz und Nieren! Die Sicherheit unserer Schüler – vor allem der Kinder – lag uns sehr am Herzen. Außerdem sollten die Pferde der Belastung eines Reitschulbetriebs gewachsen sein.  

Wir hatten da wirklich sehr hohe Ansprüche an die Pferde!

 Das machte es schwierig, passende Schulpferde zu finden. Die Suche war aufwändig und frustierend. 

Dann endlich – ein perfekter 8jähriger Islandwallach! Er entsprach genau unseren Vorstellungen. Natürlich haben wir ihn gekauft und konnten es kaum erwarten, ihn bei uns zu haben.

Wir ahnten nicht, was mit diesem Pferd auf uns zukam: Eine Lehrstunde im Pferde-Verstehen vom Feinsten.

Gleich, nachdem der Wallach auf unserem Hof eingetroffen war, wollten wir ihn in unsere Isländer-Herde integrieren. Schließlich lebte er bislang auch in einer großen Herde und das sollte auch so bleiben.

 

Wir sind ja weiß Gott keine Anfänger. Aber dieses Pferd hat uns Nerven gekostet.

 Vom ersten Moment an prügelte er auf alles ein, was vier Beine hatte. Egal ob Stute oder Wallach. Ich habe noch nie ein so aggressives Pferd erlebt! Wir erkannten das coole, freundliche Pferd, das wir eben gekauft hatten, nicht wieder.

Um unsere Pferde und ihn vor sich selbst zu schützen, stellten wir ihn erstmal separat in eine Paddockbox.

Eine entspannte Herde ist keine Selbstverständlichkeit! Denn unsere „Herden“ sind nicht natürlich gewachsen, sondern Resultat menschlicher Entscheidungen.

Jedes Pferd muss seinen Platz finden. Und das geht oft nicht so reibungslos, wie wir es uns wünschen.

 

Die nächste Überraschung bescherte er uns beim Reiten: Das willige, rittige und zuverlässige Pferd, das wir gekauft hatten, hatte sich über Nacht in einen widerspenstigen, reizbaren Derwisch verwandelt.

Schulpferd? Nicht dran zu denken!

Was war schief gelaufen? Hatten wir uns in ihm getäuscht?

Wir haben lange darüber nachgedacht, was die Ursache für dieses extreme Verhalten sein könnte. Letztlich nahmen wir Kontakt mit dem Vorbesitzer auf. Uns wurde im Gespräch klar, was passiert war:

Wir hatten ihn in unserer Begeisterung, endlich das passende Pferd gefunden zu haben, überfordert.

Wir hatten nicht gewusst und auch keinen Gedanken daran verschwendet, dass der Wallach noch nie woanders gewesen war als in dem Stall, in dem er aufgewachsen war. Er kannte nur seine Herde, seinen Stall, sein Paddock, sein Umfeld. Der Umzug muss für dieses Pferd ein absoluter Kulturschock gewesen sein!

Wir ärgerten uns zu Recht über uns selbst.

Nach der reumütigen Einsicht, dass sein aggressives Verhalten Folge der Überforderung war, lag die Lösung auf der Hand: Er brauchte Zeit. Viel Zeit!

Wir warteten vier lange Monate auf ein Zeichen. Und dann kam es: Er signalisierte „Ok, Leute, ich bin jetzt hier angekommen. Wo ist meine Herde?“

Langsam und vorsichtig integrierten wir ihn in unserer Herde. Diesmal funktionierte es!

Es dauerte weitere zwei Monate, bis er seinen Platz in der Herde gefunden hatte. Erst jetzt konnten wir erwarten, dass er wieder in der Lage war, mit einem Reiter klar zu kommen.

Und was soll ich sagen…. Das Suchen und Warten hat sich gelohnt: Er wurde eines unserer besten Schulpferde!

 

Wenn sich Dein Pferd plötzlich anders verhält, ist es dasselbe Pferd unter veränderten Bedingungen. Suche die Begründung für sein Verhalten nicht darin, dass es eben bockig, unwillig oder böse ist. Unwilliges Verhalten ist nur der Ausdruck der Not, in der Dein Pferd sich befindet! Es ist der Versuch Deines Pferdes, sich Dir mitzuteilen.

 

Solange Dein Pferd noch mit Dir spricht, ist es nicht zu spät, um Eure Beziehung auf tragfähige Beine zu stellen. Denn es gibt Dir die Chance, ihm zuzuhören, statt ihm etwas zu „flüstern“.

 

Also: Höre Deinem Pferd zu. Suche nach den Ursachen, finde das WARUM – und löse das Problem.